(Eine der ersten richtigen und eher längeren Geschichten, die ich mit 14 Jahren schrieb)



(Bild, welches meine Eltern machten, als sie einst in Kanada waren)

Im Herzen Kanadas


Irgendetwas war anders an diesen Tag. Ich spürte es, doch was es war, wusste ich nicht. Ich zog mir meinen Morgenmantel über und ging in die Küche, in der es so herrlich nach warmen Kaffe und frischen Brötchen roch. Ich behielt recht. Auf dem Tisch standen wunderschöne Blumen, die rot, blaue Tischdecke machte mich auch auf die leckeren Brötchen aufmerksam.
Der Kaffee war noch in der Kaffeemaschine, trotzdem roch es sehr gut. Das Fenster war auf kipp und die Sonne ließ die Küche doppelt so schön aufleuchten. Ich ging zum Fenster und zog die Gardinen zurück. Draußen lag eine dicke Schicht Schnee. Ich musste zu meinem Erstaunen feststellen, dass es in der letzten Nacht wieder einige Meter geschneit haben muss.

Ich hörte Schritte, dass konnte nur Marco sein. Er ist 26 Jahre und seit ich in Berlin war, meine erste grosse Liebe. Das ist nun fast fünf Jahre her. Ich bin in der Zeit eine junge reife Frau im Alter von 24 Jahren geworden. Das ich Marco traf, war also eher zufällig. Ich habe bei meinen ersten Kinobesuch meine Jacke, mit all meinen Ausweisen vergessen. Bevor ich das allerdings bemerkte, hat Marco sie mir gebracht. Es war Liebe auf den ersten Blick. Wir zogen zusammen und schon zwei Jahre später kam unsere Tochter Sofia zur Welt. Marco hat mir einfach schon alles von Berlin gezeigt, allerdings habe ich bis jetzt vergeblich auf den Tag gewartet, wo ich ihn endlich mein Heimatland Kanada zeigen kann. Klar, gefällt mir Berlin, doch die Weite Kanadas lassen mich in so manchen Minuten echt verzweifeln. Dann würde ich am liebsten alles Sachen packen und wieder zu meinen Eltern aufs Land ziehen. Doch was würde dann aus Marco und Sofia werden? Ich drehte mich langsam um. Auf dem Arm hielt Marco unsere kleine Sofia. Sie war 3 Jahre alt und unser ganzer Stolz. Sie lächelte mir zu. Ich mochte ihre kleinen Grübchen, die sie dabei immer zog. Ich sah sie fast immer nur lachen. Sie war ein Kind der Sonne, wenn ich mal schlecht drauf war, brachte sie mich zum Lachen. Auch wenn Marco und ich uns mal stritten oder sauer aufeinander waren, merkte sie das etwas nicht stimmte. Sie brachte uns jedenfalls immer wieder zusammen. Unsere Nachbarn mochten sie sehr. Es war ein älteres Ehepaar, dessen eigenen Kinder schon außer Haus waren. Die beiden waren immer ein Vorbild für mich. Sie kannten sich schon so lange, doch sie liebten sich immer noch wie am ersten Tag. Das verzauberte mich und ich hoffe in späteren Jahren auch so glücklich zu sein. Na ja, wir setzten uns an den Tisch und frühstückten. Heute sprachen Marco und ich kaum miteinander, es war alles so eigenartig still. Obwohl ich mich eigentlich für dieses tolle Frühstück und die wunderschönen Blumen bedanken wollte ließ ich es. Ich nahm die Blumen, stellte sie in eine Vase und warf ihn ein kleines dankendes Lächeln zu.
Dieser Tag war so anders als die anderen, obwohl er so schön begann. Ich weiß nicht warum, doch dieser Tag war ausschlaggebend dafür, dass ich endlich den Mut hatte, zurück nach Kanada zu gehen. Mein Chef hatte mir heute gekündigt. Als Grund nannte er mir, dass in nächster Zeit die Arbeit immer weniger würde. Doch ich glaube, der eigentliche Grund war, dass ich die Deutsche Sprache immer noch nicht so beherrschte, wie er es wohl gern wollte. Ich kam mit ihm sowieso nicht so gut aus, mit meinen Kollegen dagegen schon besser. –
Aber jetzt ist es auch egal, ich bin jetzt schlicht und einfach arbeitslos. Ich war gespannt, wie Marco darauf reagierte. Doch es kam, wie es kommen musste. Er beschimpfte mich, dass ich die deutsche Sprache besser hätte üben können und er wurde sogar handgreiflich. Das reichte, ich beschloss zu meinen Eltern nach Kanada zu fahren. Kurz entschlossen packte ich meine und Sofias Sachen und fuhr einfach los. Marco ließ das alles ziemlich kalt. Sicher dachte er, ich würde wiederkommen, doch diesmal hatte er sich geirrt. Ich werde nach Kanada fahren und meiner Tochter die schönen Seiten des Lebens zeigen. Mit diesem Willen kämpfte ich mich auf der Fahrt durch etliche Staus und durch so manche Schneestürme. Sofia fragte mich von vorne bis hinten aus, denn ich glaube, sie war diejenige, die im Moment gar nichts mehr verstand.
Es war wohl auch das erste Mal, dass Sofia mich mit ihrer ständigen Fragerei nervte. Ich wurde sogar richtig laut und schrie sie an, sie sollte den Mund halten. Sofias Augen wurden groß. Erschrocken sah sie mich an, doch sagte kein Wort mehr. Leise Musik klang aus dem Radio, sie machte mich traurig und es tat mir auf einmal leid, dass ich Sofia so angeschrieen habe. Ich sagte es Sofia, doch die war sauer und redete nicht mehr mit mir. Ich hielt bei einer Tankstelle an und kaufte eine Kleinigkeit als Entschuldigung. Sofia lächelte wieder und fing an mich weiter zu unterhalten. Auch wenn’s mich manchmal nervte, ich war froh, dass sie bei mir war und ich werde nie wieder sie für meine schlechte Laune verantwortlich machen. Denn ich liebe sie über alles. Als wir ankamen, regnete es fürchterlich. Doch ich erkannte es wieder. Dies war die Gegend, wo ich 19 Jahre meines Lebens verbracht hatte. In der Ferne sah ich das Licht eines Hauses. Als wir näher fuhren erkannte ich es. Es war das Haus meiner Eltern. Es war mit Efeu bewachsen und ließ es von außen alt und geheimnisvoll aussehen, doch von innen ist es bestimmt immer noch wunderschön. Ich schaute nach Sofia, die schon seit einiger Zeit kein Ton mehr von sich gab. Zufrieden saß sie in ihrem Sitz und schlief. Mir fiel auf, dass sie im Schlaf oft anfing zu lächeln. Sicher träumte sie wieder etwas Schönes. Draußen war es dunkel. Ich bemerkte nicht, dass die Straße sehr matschig war. Nichtsahnend stieg ich aus. Ich merkte wie meine Schuhe langsam durchnäßt wurden. Schnell stieg ich wieder ins Auto. Meine Füße fühlten sich nass und kalt an. Morgen würde ich sicher wieder erkältet sein, aber das störte mich jetzt weniger, ich war einfach nur froh wieder Zuhause zu sein. Ich fuhr noch ein Stück und parkte nahe des Hauses. Ich machte das Auto aus und blieb einige Zeit reglos sitzen. Ich bemerkte gar nicht, dass jemand die Haustür geöffnet hatte, sosehr war ich von dem Haus fasziniert. Ein Schatten riß mich aus meinen Gedanken. Es war mein Vater. Ich sprang aus dem Auto und lief ihn entgegen. Glücklich schloss er mich in Arme. Ich merkte, dass ich jetzt völlig durchnäßt war. Aus meinen Haare tropfte das Wasser und meine Sachen klebten an meinen Körper. Ich lachte, denn ich war glücklich. „Komm ins Haus, sonst erkältest du dich noch!“, hatte mein Vater zu mir gesagt. Ich lief zurück zum Auto und holte Sofia. Der Regen ließ langsam nach. Meine Mutter freute sich über mein Wiedersehen so sehr, dass sie nachher sogar anfing zu weinen. Dies musste für Sofia auch ein besonderer Tag gewesen sein, denn sie sah zum ersten mal ihren Opa und ihre Oma.
Sie war außerdem ganz begeistert von dem großen Haus und lief durch alle Räume. Kein Wunder, denn dieser Hof war nichts, gegen die kleinen Wohnungen in der Stadt. Ich freute mich, dass es Sofia gefiel, denn ich hatte schon befürchtet, sie könnte der Heimweh plagen. Es hatte sich in den fünf Jahren nicht sehr viel verändert. Wir gingen in die alte gemütliche Küche. Ich hörte das Pfeifen des Teekessels. Ich lernte die Freundin meines Bruders kennen und sah außerdem zum ersten Mal den kleinen Sohn meines Bruder. Er war nur ein Jahr älter als Sofia und hieß Marc. Sofia! Wo war sie eigentlich?
Ich konnte sie nicht sehen, aber hören. Sie schien zu lachen, doch worüber? Sie kam durch die Tür rein, an der Leine hielt sie Josef, einen Deutschen Schäferhund. Er war als ich 16 war, meine erste große Liebe. Ich bekam ihn zu meinen Geburtstag.
Einen lieberen Freund konnte man sich gar nicht vorstellen, dass hatte Sofia wohl auch schon begriffen, denn jetzt lag sie zusammen mit Josef auf einer Decke und schlief. Dieser Anblick rührte mich so sehr, dass ich sogar Freudentränen weinen musste. In meiner Hand hielt ich die heiße Tasse mit Tee, er roch so lecker. Meine Mutter hatte mir eine Decke gegeben, die ich mir umhängte. Auf dem Tisch standen verschiedene Sorten von Plätzchen. Ich knabberte an einem Butterkeks herum und schlürfte meinen heißen Tee. „Ich hole eben deine Sachen aus den Auto!“ Das war Nils, mein Bruder. Ich sah ihn an und nickte. Niemand fragte mich, was ich eigentlich hier mache, warum ich zurück gekommen bin und so. Ich wurde sofort aufgenommen, als wäre ich die ganzen fünf Jahre nie weg gewesen. Das gefiel mir, denn große Lust etwas zu Erzählen hatte ich nicht. „Ich geh nach oben!“ Sie sahen kurz zu mir auf und wünschten mir eine gute Nacht. Es war zwar noch nicht sehr spät, doch ich war sehr müde.
Ich deckte Sofia mit einer Decke zu und gab ihr einen Gute-Nacht-Kuss. Ich wollte sie nicht mehr aufwecken und ließ sie daher bei Josef schlafen. Ich ging nach oben. Dort hatte ich mein früheres Zimmer. Als ich die Tür öffnete kam mir schöne frische Luft entgegen. Es stand noch alles genauso da, wie ich es damals verlassen hatte. Allerdings war meine Zimmer nicht ein bisschen verstaubt, sondern es glänzte alles so neu. Meine Mutter hatte es wohl jede Woche einmal geputzt. Ich freute mich, dass sie mich wohl nie wirklich vergessen hatte. Noch am selben Abend sagte sie mir, dass die wusste, dass ich noch dieses Jahr zurück kommen würde. Ich zog noch schnell einen neuen Bettbezug auf und legte mich dann schlafen, da ich von der Fahrt ebenfalls sehr erschöpft war. Es war eine wunderschöne lange Nacht. Ich konnte zum ersten Mal, seit langen, wieder ausschlafen. Als ich aufwachte, war es fast Mittag. Die Sonne schien durch die Gardinen und meine kleine Sofia saß auf meinen Bett und lächelte mich an. Ihr Mund war vom Frühstück noch ein bisschen verschmiert. Ich putzte ihr mit meinen Fingern die Marmelade aus dem Gesicht. Sofia strahlte wie ich sie schon lange nicht mehr gesehen hatte. Ich stand auf und zog mir meinen Morgenmantel über. Er hing immer noch hinter der Tür, die ganzen fünf langen Jahre hing er da. Er hätte nicht besser passen können. Er duftete nach dem alten Waschpulver meiner Mutter. Sie hatte es schon früher genommen, schon dort liebte ich den Geruch der Waschküche. Aber noch mehr liebte ich unsere Weiden mit den Tieren drauf. Jeden Morgen durfte ich mit meinen Vater die Kühe und Schafe auf die Weiden treiben. Das habe ich sehr gerne gemacht. Damals hatten wir sogar noch zwei Ponys, die nur ein par Meter von unserem Haus entfernt waren.
Noch vor dem Frühstück war ich auf den Weiden. Ich liebte die Stille und die Weite Kanadas. Was ich übrigens immer noch sehr mag. Das war wohl einer der Gründe, warum ich in meine Heimat zurückgekommen bin.
Hier habe ich die schönsten Jahre meines Lebens verbracht und ich wünsche mir nichts seligeres als meiner kleinen Sofia diese völlig andere Welt auch zu zeigen. Eine, die zwar auch aus Arbeit besteht, aber aus Arbeit die Spaß macht. Ich kann mich noch an die Zeit erinnern, als Sofia gerade laufen konnte. Sie konnte nicht mal eben so raus und draußen spielen, dass war einfach alles zu gefährlich. Die Autos, der ganze Verkehr..., hier ist es anders, sie kann raus und laufen, ohne auch nur auf schnell fahrende Autos aufzupassen. Gerade als ich auf dem Weg nach unten war klingelte mein Handy. Es war tatsächlich Marco und er fragte mich, wann wir denn wieder nach Hause kämen. Ich musste ihn mindestens drei Mal erklären, dass es mit uns beiden einfach keine Zukunft hat. Ich würde nie wieder nach Hause kommen. Ich erklärte ihm auch, dass ich bereits Zuhause war, in Kanada, meiner Heimatstadt. Ich hörte, wie er mit seinen Tränen kämpfte und irgendwie tat er mir leid, aber ich durfte nicht den Fehler machen und nur seinetwegen zurückfahren. Diesmal musste ich ganz einfach hart bleiben. Marco war noch eine ganze Zeit am Telefon, bis ich nach etlichen Minuten nur noch einen durchlaufenden Ton hörte. Er hatte aufgelegt! Ich ging zum Fenster und sah Sofia, die bereits draußen war. Der Schnee war geschmolzen und in der Sonne glitzerte noch immer auf dem Tau, der sich auf den Grashalmen gebildet hatte. Mein Vater führte Sofia auf Jojo unserem alten Shetlandpony herum. Er hatte schon so viele Kinder auf seinem Rücken getragen, es machte ihm gar nichts mehr aus. Jojo war schon früher lammfromm und hatte sich einfach alles gefallen gelassen. Oft bin ich an tollen Sommertagen, mit meiner Freundin zum See geritten. Manchmal waren wir sogar mit den Pferden baden. Ich öffnete das Fenster und setzte mich auf den Rahmen um sie zu beobachten. Josef trottete neben den beiden her und bellte vergnügt. Mir kam es vor, als wäre ich das kleine Mädchen, was sich ganz stolz auf den kleinen Jojo präsentierte. Es ist, als würde mein kleines Leben noch einmal an mir vorbeilaufen. Wie ich so träumte, merkte ich gar nicht, dass meine Mutter in meinen Zimmer gekommen war. Sie stand dicht hinter mir und musste mich wohl schon eine ganze Weile beobachtet haben, denn als ich sie dann endlich auch bemerkte, wusste sie, wovon ich so innig geträumt habe. Sie hatte es mir wohl angesehen, wie sehr mir dies alles gefehlt hatte. „Schlecht hast du gestern ausgesehen!“, hatte sie mir gesagt.
Ich hatte ihr bei einem schönen Frühstück erzählt, wie ich die Jahre in der Großstadt so verbracht hatte. Sie verzog das Gesicht und meinte dann! „Kind, ich wusste schon immer, dass du hierher gehörst!“ Ich lächelte und meine Mutter nahm mich in den Arm. Sofia platzte plötzlich in die Tür und war hell auf begeistert von Jojo. Liebevoll stand sie da und streichelte Josef Kopf. Da hatten sich wohl zwei gefunden. Von nun an lebten wir auf dem Land. Sofia wuchs zu einem wunderschönen jungen Mädchen heran und ich fand endlich meine große Liebe. 10 Jahre später heiratete ich den wundervollsten Mann auf Erden. Wir wohnten bei meinen Eltern mit im Haus. Das war groß genug, für uns drei. Als Sofia 14 Jahre alt war bekam ich mein zweites Kind. Es wurde ein Junge, und wir nannten in Jimmy.
Sofia kümmerte sich rührend um ihn. Sie war ein richtiges Fräulein, zu jedem freundlich und aufgeschlossen. Hier in Kanada ist sie noch einmal richtig aufgeblüht.
Sie hatte viele Freunde gefunden, mit denen sie sehr viel unternahm. Sie hatte nun ein eigenes Pferd, womit sie sich oft inmitten der weiten Welt Kanadas zurückzog!

Es war Dezember und dieses Jahr bedeutend kälter als die vorherigen Jahre. Wie ich so über den Weihnachtsmarkt schlenderte und den Kinderwagen vor mir herschob, viel mir plötzlich wieder ein, was Sofia letztens zu mir meinte. „Ich wünsche mir dieses Jahr Weihnachten nur, meinen richtiges Dad mal wiederzusehen.“ Der Geruch von Glühwein stieg mir in die Nase. Ich hielt an und wollte mir gerade den obersten Knopf meiner Jacke zuknöpfen, da es sehr kalt war. Doch da umfasste mich Robert von hinten. Robert, so hieß übrigens mein Mann. Ich zuckte zusammen, denn ich war in Gedanken bei Sofia und meinen Ex-Freund Marco. Robert hatte heißen Glühwein besorgt. Hm, wie der duftet!!!! Jimmy lag im Kinderwagen und schlief, wie süß er dabei aussah. Bei seinem Anblick wurde mir ganz warm ums Herz. Arm in Arm schlenderten Robert und ich noch etwas über die Weihnachtsmärkte. Es war wunderschön! Sofia saß Zuhause und schaute mit ihrer besten Freundin Luise Fernsehen, sie wollten sich einen richtig gemütlichen Mädchenabend machen. Als Robert und ich nach Hause kamen, lagen die beiden bereits auf dem Sofa und waren eingeschlafen.
Am nächsten Morgen telefonierte ich etwas rum, in der Hoffnung irgendetwas von Marco zu hören. Robert hatte mir Telefonnummern raus gesucht, womit ich ihn eigentlich finden müsste. Robert war ein Schatz, er halft mir, wo er nur konnte.
Und tatsächlich, nach einer endlos langen Zeit, die mir wie eine halbe Ewigkeit vorkam, hatte ich eine Frau am Telefon, die Marco kannte. Sie gab mir seine Telefonnummer und ich konnte mich mit einen guten Gewissen bei ihr verabschieden. Robert war in der Stadt, er wollte Weihnachtsgeschenke besorgen. Dieses Jahr bestand Weihnachten schon jetzt nicht aus Stress, sondern aus Ruhe. Meine Eltern und Nils kümmerten sich um den Weihnachtsschmuck und um einen wunderschönen Baum. Sofia arbeite im Moment viel im Stall und übernahm die Arbeit des Opas. Marc, der Sohn meines Bruders half ihr dabei. Die beiden verstanden sich eigentlich relativ gut, nur das es hin und wieder mal ein paar Meinungsverschiedenheiten gab, aber das kam ja in den besten Familien vor und ich spreche da aus Erfahrung. Als ich noch so jung war, wie die beiden, haben Nils und ich uns oft gestritten, wenn es um die Stallarbeit ging. Nils wollte mir immer die ekeligsten Sachen machen lassen, doch das wollte ich natürlich nicht. Aber Sofia und Marc hatten dies gerecht aufgeteilt. Während Sofia die Spinnweben entfernte, mistete Marco schon einmal die Ställe aus. Das war eine ganz schöne Arbeit, aber die beiden taten es gern. Am späten Nachmittag saßen wir dann alle in der gemütlichen Wohnküche und aßen Kuchen und tranken warmen Kakao. Ich hatte mit Marco gesprochen. Es war irgendwie komisch, von beider Seiten her. Er hatte auch geheiratet und hatte noch eine Tochter, im Alter von 6 Jahren. Ich schlug ihm vor, dass er ja die Weihnachtstage, mit seiner Familie bei uns verbringen könnte. Da Sofia immer wieder den großen Wunsch äußerte, ihren Vater endlich, mal zu sehen. Marco redete kurz mit seiner Frau, dann stimmte er doch zu. Irgendwie war es alles leichter als ich dachte. Dieses Weihnachtsjahr schien perfekt zu werden.
Auch die Kinder gaben sich bei den säubern der Ställe große Mühe. Die Tiere standen alle auf der Weide. Ich machte das Gästezimmer für Marco und seine Familie fertig. Plötzlich stand Luise in der Tür und fragte mich, ob wir denn noch ein paar helfende Hände bräuchten. Ich freute mich sehr darüber, dass sie uns helfen wollte und schickte sie runter in den Stall. Sie half mit, beim Ausmisten der Ställe und durfte nachher noch unsere drei Pferde bewegen, was sie natürlich gerne tat. Ich sah den dreien bei ihrer Arbeit zu, und war so in Gedanken vertieft, dass ich gar nicht mehr dran dachte, nach Jimmy zu sehen. Schnell ging ich ins Kinderzimmer, doch er war Gott sei dank noch am Schlafen. Josef lag neben der Wiege und hob nur kurz seinen Kopf, um zu sehen, wer denn das Zimmer betrat. Robert war von seinem Grosseinkauf wieder da und zeigte mir ganz Stolz, was er denn alles gekauft hatte.
Am Abend saßen wir alle vor dem Kamin und quatschten etwas über den heutigen Tag und planten, wie der morgige 24. Dezember verlaufen soll. Luise wurde gegen 22 Uhr abgeholt. Wir bedankten und für ihre Hilfe und wollten ihr etwas Geld geben, doch das lehnte sie dankend ab. „Ist doch selbstverständlich, dass ich Sofia helfe. Sie ist doch meine beste Freundin, außerdem war es doch lustig!“ Luise hatte ein großes Herz, sie wollte nie etwas dafür bekommen. Wir schätzen sie sehr, und sie war bei uns immer herzlich Willkommen, doch das wusste sie.
Sie war gerne bei uns. Ihre Eltern lebten in einem kleinen Bauernhaus und hatten nur 3 Kühe, von denen sie lebten. Luise hatte wenige Freunde und genoss jede Sekunde, die sie bei Sofia war. Sofia hatte Luise beigebracht, wie man reitet, doch sie hatte kein Geld für ein eigenes Pferd, daher kam sie immer zu Sofia, wo sie reiten durfte. Ich hatte nichts gegen Luise und auch nichts gegen die Eltern. Im Gegenteil, ich fand, die Leute die am wenigsten Geld hatten, waren noch mit die freundlichsten. Plötzlich kam mir eine Idee....!

Am späten Abend als ich mich vergewissert hatte, dass Sofia in ihren Bett lag, rief ich unsere kleine Familie zusammen und schlug ihnen meine Idee vor. Sie waren sofort begeistert und stimmten mir zu. Robert fuhr mit seinem Auto zu Luises Eltern rüber und lud sie zu Morgen, der großen Weihnachtsfeier ein. Die freuten sich sehr und nahmen das Angebot dankend an. Ich freute mich, dass alle über meine Idee so begeistert waren und ihr zustimmten. Dieses Jahr wurde es ein sehr großes Weihnachtsfest. Bevor ich einschlief, ging ich in Gedanken, den morgigen Tag noch einmal durch. Die Nacht war kurz, denn schon am frühen Morgen klopfte es. Josef bellte! Ich kletterte aus meinem Bett und ging zu Tür. Als ich sie öffnete fuhr mir eine kalte Windböe durch die Haare. Eine nette junge Frau stand vor der Tür. „Sind sie die Mutter von Sofia?“ Ich nickte. Da sah ich einen Mann mit einem Kind auf dem Arm. „Sie ist eingeschlafen!“, sagte er. Jetzt erst erkannte ich ihn, es war Marco. Ich bat ihn, leise zu sein, da Sofia noch nichts von ihrem Glück wusste. Ich zeigte ihm das Gästezimmer und erklärte ihnen noch den Rest. Die Kleine lag jetzt auf dem Sofa und war am schlafen. Ich holte schnell ein Decke und deckte sie damit zu. Dann gingen Marco und seine Frau auch schlafen. Ich ging wieder ins Bett und erklärte Robert, dass Marco hier war. Wir beschlossen aufzustehen, da es sowieso keinen Sinn mehr hatte zu schlafen. Als Sofia wach war, sollte sie schnell frühstücken und bis zum frühen Abend zu Luise gehen. Die Eltern von ihr wussten Bescheid. Wir dunkelten das Zimmer ab und legten die Geschenke unter dem Baum. Für jeden etwas. Dieses Jahr kostete uns das Weihnachtsfest ein kleines Vermögen, aber dass war es uns wirklich Wert. Dann war es endlich dunkel. Wir hatten uns etwas ganz besonderes ausgedacht. Robert hatte zwei Pferde vor eine Kutsche gespannt und sich als Weihnachtsmann verkleidet, auch wenn Nikolaus schon vorbei war, es passte einfach besser zu der ganzen Atmosphäre. Ich saß neben Robert und wir machten uns auf den Weg zu Luises Haus. Es war sehr kalt und es fing ganz leicht an zu schneien. Nach einer knappen halben Stunde waren wir da. Robert klopfte, und Luise öffnete die Tür. Sie schreckte im ersten Moment zurück, auch Sofia sah im ersten Moment etwas verdutzt aus. „Robert, was machst du denn hier?“, sagte sie schließlich.
„Euch abholen?“ „Uns???“, verdutzt sah Sofia mich an. Doch ich lächelte und nickte nur. Im selben Augenblick kamen Luises Eltern um die Ecke. „So wir können!“, sie lächelten. Sofia und Luise verstanden nur noch Bahnhof. „Wir werden alle zusammen Weihnachten feiern!“, sagte Robert. „Wow, dass ist ja klasse!“, schien die beiden fast gleichzeitig. Schnell stiegen wir in die Kutsche und fuhren dann los. Zuhause bereiteten meine Eltern, mein Bruder Nils, seine Freundin, Marco und deren Frau noch schnell den Rest vor. Als wir nach einer halben Stunde ankamen standen alle vor der Tür. Im Haus war das Licht gedämpft. Ich rief Sofia und ging mit ihr zu Marco. „Frohe Weihnachten, Sofia!“
Sofia sah ihn an. „Wer bist du?“ „Ich bin dein richtiger Papa!“, sagte er und lächelte. Sofia sah verdutzt in die Runde. Gebannt sahen wir den beiden zu. „Wow, ich habe meinen Dad gefunden!“ Plötzlich fiel sie ihm um den Hals und drückte ihn ganz doll. Mir stiegen Freudentränen in die Augen, aber ich wusste, dass mir die Überraschung geglückt war. Glücklich nahm Robert mich in den Arm. Nach dem „Schock“ gingen wir rein, und nun war die Bescherung dran. Marcos Tochter saß die ganze Zeit vor dem Kamin und wiegte unseren kleinen Jimmy in den Schlaf. Ein schönes Bild. Ich ging zu ihr und nahm das Geschenk mit, was für sie bestimmt war. Sie freute sich sehr darüber. Luises Mutter kam zu mir und nahm meine Hand. „Der Herr möge euch segnen.“ Sie sah mich mit ihren blaugrünen Augen an und schenkte mir ein Lächeln, was ich mein Lebtag nicht mehr vergessen werde. „So schön haben wir noch nie Weihnachten gefeiert. Es gibt sehr wenige Menschen, die so ein gutes Herz haben, wie ihr. Möge Gott euch immer beschützen!“ Im ersten Moment wusste ich nicht, was ich sagen sollte. Diese Worte taten mir mehr als gut, und ich wusste, dass ich dieses Jahr ein paar Menschen glücklich gemacht habe.
Wir setzten uns wieder zu den anderen, tranken etwas, aßen leckere Sachen und sangen Weihnachtslieder. Es war so eine herrliche Stimmung. Als ich aus dem Fenster sah, bemerkte ich, das es draußen ziemlich viel geschneit haben musste. Ich lief zur Tür und öffnete sie. Dicke Schneeflocken vielen mir vor die Füße. Die war ein Moment, wo ich wusste, dass es sich lohnt zu leben, und um sein Leben zu kämpfen. Ich rief die anderen und wir liefen raus in den Schnee. Josef sprang durch den Schnee und versuchte die Schneeflocken zu fangen. Das sah so lustig aus, dass ich lachen musste.

Hier ist der Ort, an den ich gehöre. Und es ist tröstlich zu wissen, dass ich hier, in diesem Land und in der Weite Kanadas irgendwann sterben werde. Ich habe keine Angst vor dem Tod, denn ich weiß, dass ich eine Gabe besaß, Menschen glücklich zu machen und auf diese werde ich immer Stolz sein können.







Eine Geschichte
von
Sandra
am 8.12.2001



Was du suchst
ist nicht auf den Gipfeln der Berge,
nicht in den Tiefen der Meere,
nicht in den Strassen der Städte:

Es ist in deinem Herzen.



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