SEELE EINES HUNDES

An einem Nachmittag, als die Uhr auf dem nahen Geschäftsgebäude drei und ein halb Uhr schlug, bemerkte Monsieur LeBlanc, ein Franzose und Besitzer eines Cafes in der Calle de Bolivar in Mexico City, einen mittelgroßen, schwarzen Hund nahe der Tür sitzen, die allezeit offen stand. Er saß aber so, dass Gäste, die herauskamen oder eintraten, in keiner Weise belästigt wurden. Der Hund hatte seine sanften, braunen Augen auf LeBlanc gerichtet, und in diesen ruhigen Augen funkelte etwas wie eine Einladung, Freundschaft zu schließen. Mehr als das, der Hund setzte eine ungemein drollige Miene auf, wie man sie zuweilen bei alten, gutgelaunten Vagabunden findet, die, wie immer sie auch gut oder übel behandelt werden mögen, selbst wenn man sie die Hintertreppe hinunterstößt oder ihnen einen Kübel mit Wasserüberden Kopf stülpt, ihren guten Humor nicht verlieren, sondern mit einem Grinsen auf dem Gesicht noch danke sagen.
Für einige kurze Augenblicke, und wohl mehr gelegentlich als absichtlich, hielt der Franzose in seinem Revidieren der Kassenabschnitte inne und warf dem Hund einen zweiten Blick zu. Der Hund, diese erneute Beachtung rasch auffangend, erwiderte sie mit einem lustigen Wedeln des Schwanzes, neigte seinen Kopf in komischer Weise ein wenig auf die Seite und öffnete sein Maul schief auf der einen Ecke, so dass Monsieur LeBlanc den Eindruck gewann, dass der Hund ihn vertraulich angrinse.
LeBlanc konnte es sich nicht versagen, das Grinsendes Hundes zu erwidern, und für einige Sekunden hatte er die Empfindung, dass in dieser geräuschvollsten und gefühllosesten Stunde der täglichen Geschäftsroutine ein kleines Stückchen goldene Sonne leise und verstohlen sich in seinem Herzen verkroch, um es kosend zu berühren und ihm eine neue, ungewohnte Wärme zu geben.
Seinen Schwanz nun eifriger bewegend, richtete sich der Hund leicht auf, setzte sich aber sofort wieder, und in dieser sitzenden
Stellung verbleibend, schob er sich einige Zoll näher zur Tür, ohne jedoch in das eigentliche Cafe selbst hineinzugehen.
Der Franzose, diese Handlungsweise eines hungrigen Straßenhundes als anständig und lobenswert ansehend, vermochte seinen Gefühlen nicht länger zu widerstehen.
Von einem beinahe halbleeren Teller, den in diesem Augenblick eine Kellnerin von dem Tisch eines Gastes fortnahm, um ihn zur Küche zu tragen, ergriff er ein Rumpsteak, an dem der Gast, offenbar nicht sehr hungrig, nur gerade so herumgeknabbert hatte.
Dieses saftige Steak mit zwei Fingern hochhebend, es so einige Sekunden haltend, heftete er seinen Blick auf den Hund, schwang das Steak einladend einige Male hin und her, und mit einer Geste des Kopfes gab er dem Hunde zu verstehen, er möge hereinkommen und den reichen Happen in Empfang nehmen. Der Hund sah und verstand diese Einladung, wackelte nun nicht mehr nur mit seinem Schwanz, sondern mit seinem ganzen Hinterteil, öffnete und schloss sein Maul in rascher Reihenfolge und leckte seine Lefzen, als ob er das Steak bereits zwischen seinen Zähnen habe.
Dennoch, obgleich der Hund nun gut wusste, dass dieses Steak für ihn bestimmt war, trottete er nicht in das Cafe, sondern blieb außerhalb bei der Tür sitzen.
Der Franzose, plötzlich mehr interessiert an diesem Hund denn an seinen Gästen, verließ seinen Platz hinter der Bar und trug das Steak bis dicht zur Tür, spielte es eine gute Weile vor der Nase des Hundes und ließ es endlich in das hungrige Maul hineingleiten.
Der Hund ergriff es ohne Hast, gab dem Besitzer einen Blick des Dankes, trat von der Tür weg und legte sich auf dem asphaltierten Seitenweg nieder, jedoch dicht am Fenster des Cafes. Dort fraß er das dicke Steak in solcher unbekümmerten Ruhe, wie sie nur der voll genießen kann, der sich eines reinen Gewissens bewusst ist.

Als der Hund das Mahl beendet hatte, erhob er sich, ging zurück zur Tür und wartete dort geduldig, bis der Franzose ihn aufs neue bemerken würde. Sobald LeBlanc ihm den so sehnlichst erwarteten Blick zuwarf, stand der Hund auf, wackelte lustig mit seinem Schwanz, setzte jenes clownische Grinsen auf, das dem Franzosen vorher so gefallen hatte, schüttelte seinen Kopf so, dass die Ohren um ihn schlugen, drehte sich um und ging seiner Wege.
Monsieur LeBlanc, als er den Hund zur Tür zurückkommen sah, glaubte natürlich, der Hund wäre gekommen, um vielleicht einen zweiten guten Bissen zu erhalten. Aber als er die Tür erreichte, diesmal mit dem Bein eines Huhnes, an dem der größte Teil des Fleisches noch daran hing, war der Hund bereits verschwunden. Nun endlich verstand er, dass der Hund zum zweiten Male zur Tür gekommen war aus keinem anderen Grunde, als um in seiner eigenen Weise seinen Dank zu zeigen.
Im Verlauf des Tages vergaß der Franzose den Vorfall, denn er betrachtete den Hund nur gerade wie irgendeinen anderen der zwanzig oder mehr Straßenhunde, die Restaurants besuchen und häufig genug, meistens sogar, hineingehen, um unter den Tischen der Gäste nach Überbleibseln und heruntergefallenen Brötchen und angenagten Knochen zu suchen, zuweilen sich auch noch vor den Gästen breit hinsetzen und einen Bissen erbetteln, bis sie von den Kellnerinnen hinausgejagt werden.
Am nächsten Tage jedoch und genau zur gleichen Zeit, um drei und ein halb Uhr, saß der Hund wieder bei der offenen Tür desselben Cafes.
Der Franzose sah ihn dort sitzen und lächelte ihn an, als wären sie alte Bekannte. Der Hund erwiderte das Lächeln mit seinem so urkomischen, man möchte sagen, stillen Grinsen auf seinem Gesicht. Er stand halb auf, wie er es gestern auch getan hatte, wackelte seinen Schwanz als Zeichen seines Grußes und erweiterte sein Vagabundengrinsen, soweit es sein Maul erlaubte, während seine rosafarbige Zunge ihm über eine Seite des Kiefers hing.
Der Besitzer winkte mit seinem Kopfe, um anzudeuten, dass der Hund hereinkommen möge, um sein freies Mittagsmahl nahe der Bar zu empfangen. Der Hund jedoch kam nur einen halben Schritt näher zur Tür, und wie gestern, so auch heute weigerte er sich hineinzugehen. Monsieur LeBlanc schien nun endlich zu begreifen, was der Hund anzudeuten gedachte, und das war, dass er sich nicht fürchte, hineinzugehen, sondern dass seine angeborene Anständigkeit und Intelligenz es ihm zu verstehen gebe, dass ein Raum, in dem reinliche Menschen verkehren, kein geeigneter Aufenthaltsort für gewöhnliche Straßenhunde ist, die sich ihr Futter in Mülleimern suchen müssen und nie gebadet werden.
Der Franzose erhob nun seine Hand und trommelte seinen Zeigefinger gegen den Daumen, blickte dabei den Hund scharf an und gab ihm auf diese Weise in der im Lande gebräuchlichen Form zu verstehen, dass er ein wenig warten möge. Zum Erstaunen des Franzosen verstand der Hund wirklich diese Zeichensprache, denn er bewegte sich einen Schritt weg von der Tür und legte sich draußen auf dem Seitenwege hin, seinen Kopf zwischen den Vorderpfoten und mit seinen halbgeschlossenen Augen den Franzosen beobachtend, der in diesem Moment sehr beschäftigt war.
Etwa fünf Minuten später trug eine Kellnerin ein Tablett, gefüllt mit Tellern, die sie soeben von den Tischen genommen hatte, zur Küche. Der Besitzer winkte ihr, zur Bar zu kommen, ergriff ein gutes Überbleibsel eines einst mächtigen Steaks, ging damit hinaus zum Hunde, wo er es vor der Nase des Hundes herumspielte und es dann gehen ließ. Der Hund schnappte es so sanft von des Mannes Hand, als ob er es von einem Kinde nehme. Und genauso wie er es gestern getan hatte, so handelte er auch heute. Er legte sich ruhig und unbekümmert draußen auf dem Seitenwege unter dem Fenster des Cafes hin und erfreute sich des guten Mahles.
In diesem Augenblick erinnerte sich LeBlanc der eigentümlichen Art und Weise, wie der Hund gestern seinen Dank ausgesprochen hatte, und er war nun neugierig, zu erfahren, ob diese sonderbare Form der Danksagung nur einer gelegentlichen Eingebung folgte oder einem wohlüberlegten individuellen Betragen.
LeBlanc, der gerade mit einem Gaste zehn Pes os zu wetten gedachte, daß der Hund, nachdem er sein Mahl gegessen hatte, zur Tür kommen und seinen Dank bezeugen würde, fand, dass es für jene Wette zu spät war, denn er sah bereits den Schatten des Hundes dicht bei der Tür. Ohne sein Gesicht dem Hunde zuzuwenden, beobachtete er den Hund und dessen Gebaren von einem Winkel seiner Augen aus. Der Hund saß dicht bei der Türe und wartete darauf, dass der Besitzer ihn bemerken sollte. Jedoch absichtlich beschäftigte sich LeBlanc an den Regalen, wo Gläser, Flaschen, Konserven, Zigaretten und Zigarren aufgeschichtet waren, und hin und wieder revidierte er die Kasse, jedoch stets den Hund so von der Seite beobachtend, dass der Hund dessen nicht gewahr werden konnte. Es interessierte ihn, zu wissen, wie lange der Hund dort sitzen bleiben würde, zu keinem anderen Zweck, als seinen Dank zu sagen.
Vier, vielleicht fünf Minuten waren in dieser Weise vorübergegangen, als der Franzose endlich beschloss, die Anwesenheit des Hundes zu bemerken. Kaum hatte er aufgesehen und seine Augen auf den Hund gerichtet, als der Hund aufstand, fröhlich mit seinem Schwanz hin und her fegte, seinen Kopf auf eine Seite legte, für eine kurze Weile sein komisches Grinsen zeigte, sich umdrehte und verschwand. Von nun an hielt der Franzose stets ein besonders schweres und saftiges Stück Fleisch, das von den Tischen zurückkam, für den Hund bereit. Der Hund kam nun jeden Tag und erschien an der Tür so pünktlich wie der Beginn eines Stierkampfes in Mexiko. Es war stets und immer halb vier, wenn Monsieur LeBlanc, einen gelegentlichen Blick zur Tür hinwerfend, den Hund dort sitzen sah, mit dem Schwanze wedelnd und ihn mit freundlichen, halb zugekniffenen Augen verschmitzt ansehend.
In dieser Weise ging es mehrere Wochen ohne irgendwelche Veränderung in des Hundes regelmäßigen Besuchen, seiner Empfangnahme eines reich mit Fleisch besetzten Knochens und seiner Danksagung, ehe er das gastliche Cafe verließ. Der Franzose betrachtete den Hund als seinen zuverlässigsten Gast, in mancher Hinsicht als seinen Glücksbesucher. So pünktlich kam der Hund jeden Tag, dass der Franzose seine Uhr nach dem Erscheinen des Hundes hätte stellen können. Trotzdem dieser schwarze, ungekämmte, ungepflegte Straßenhund zu dieser Zeit von der Gastfreundlichkeit des Besitzers nun völlig überzeugt sein musste, änderte er in keiner Weise sein anständiges Betragen. Niemals kam er in das Cafe, wenngleich der Franzose ihm zu wiederholten Malen ganz deutlich zu verstehen gegeben hatte, dass er hereinkommen und sein Mahlganz dicht bei den Füßen des Besitzers in Ruhe essen könne. In Wirklichkeit würde der Franzose es gern gesehen haben, dass der Hund ständig bei ihm geblieben wäre. Er hätte sich nützlich machen können dadurch, dass er andere, weniger anständige Straßenhunde, die in das Cafe kamen, hinausjagte und das Restaurant in der Nacht gegen mögliche Einbrecher bewachte. Monsieur LeBlanc hatte den Hund, um die Wahrheit zu gestehen, lieben gelernt.
In letzter Zeit, wenn immer er dem Hunde seinen Bissen gereicht, liebte er es, den Hund für eine Weile zu streicheln, auf den Rücken zu klopfen und ihn leicht an den Ohren zu zupfen. Der Hund blieb, während er so gestreichelt wurde, mit seinem Stück Fleisch im Maul, geduldig sitzen, bis Monsieur LeBlanc die Liebkosung beendet hatte und zu seinem Platz hinter der Bar zurückkehrte. Und erst dann, und nicht früher, entfernte sich der Hund von der Tür, um, seiner Gewohnheit gemäß, sich draußen auf dem Seitenweg niederzulegen und sein Mahl zu verzehren. Und wie stets, sobald er damit zu Ende war, stand er auf, ging zur Tür, wartete dort, bis der Besitzer ihn bemerkte und ansah, wackelte daraufhin lustig mit seinem Schwanz, grinste verschmitzt und öffnete das Maul, als ob er zu sagen wünschte: >Vielen Dank, amigo mio, bis morgen um die gleiche Zeit. Und dann drehte er sich, wie immer, um und trottete hinweg. Wohin er ging, wusste der Franzose nicht.
Nun kam ein Tag, an dem Monsieur LeBlanc eine ganz fürchterliche Auseinandersetzung mit einem Gaste hatte, dem ein knochenhartes Brötchen serviert worden war. Der Gast, im Glauben, das Brötchen sei weich, wie er ein Recht hatte, es zu erwarten, biss fest darauf los und brach sich einen Zahn.

Es war nur natürlich, dass der Gast einen entsetzlichen Skandal anfachte, dem Cafebesitzer
androhte, ihn auf einen Schadenersatz von zehntausend Pesos zu verklagen und ihn wegen fahrlässiger Körperverletzung anzuzeigen.
Monsieur LeBlanc wurde wild wie ein Gorilla, feuerte die Kellnerin, die den Gast bedient hatte, mit groben Worten aus ihrer Stellung, und das bedauernswerte Mädchen verkroch sich in einer dunklen Ecke im Hintergrund des Cafes, wo es bitterlich zu heulen anfing. Was unter den Umständen gesehen ja nur natürlich schien. Es war gewisslich nicht ihr Fehler allein. Sie hätte freilich bemerken sollen, dass jenes Brötchen hart wie Holz war. Aber ebenso gut hätte es der Gast bemerken sollen, als er das Brötchen in die Hand nahm. Und es ist zu beachten, dass es sicher keinen guten Eindruck auf die Gäste macht, wenn eine Kellnerin, ehe sie dem Gast die Brötchen anbietet, jedes einzelne Brötchen erst zwischen ihren Fingern knetet, um festzustellen, ob es frisch ist. Die Gäste würden sich das als eine unreinliche Handlung verbitten. Und mit Recht. Wie dem auch sein möge, sie hatte jenes Brötchen serviert und war darum für die Folgen verantwortlich.
Der wirklich Schuldige jedoch war der Bäcker, der, absichtlich oder infolge eines Versehens, das knochenharte Brötchen zwischen die frischen' Brötchen geworfen hatte.
Und als Monsieur LeBlanc sich dessen bewusst wurde, hob erden Hörer vom Telefon und brüllte den Bäcker an, dass er mit dem Revolver in der Hand auf dem Wege sei, ihm einen Besuch abzustatten, und dass er diesen gottverdammten, gottverlassenen und fahrlässigen Teigkneter ermorden würde, wie es eine pesttragende Ratte, wie er eine sei, nicht besser verdiene, und dass bis an das Ende seiner Tage er stets und immer eine gottverfluchte, stinkende Kanalratte bleiben werde. Worauf der Bäcker mit einem Dutzend jener lieblichen Wahrheiten antwortete, die sich zum Teil mit der unbestimmten sozialen Stellung der Mutter des Monsieurs, die der Bäcker gar nicht kannte, beschäftigten und zum größten Teil von jeder safts trotzenden Art waren, dass, spräche man sie innerhalb einer Episcopalian-Kirche aus, sich die weiß gekalkten Wände der Kirche tiefrot färben und tiefrot bleiben würden, bis der Bischof die Kirche aufs neue segnen und von jener grässlichen Entheiligung erlösen würde.
Die lebhafte Unterhaltung endete damit, dass Monsieur den Hörer des Telefons mit solcher Heftigkeit auf den Haken schlug, dass von diesem Telefon nichts übriggeblieben wäre, wenn die Ingenieure, die jene Apparate bauten, solche gelegentlichen Ausbrüche menschlicher Leidenschaften nicht vorgesehen und dementsprechend die Apparate konstruiert hätten.
Das Gesicht rot wie eine reife Tomate, zwei bläuliche, dick anschwellende Adern auf seiner kochenden Stirn, kehrte der Franzose zurück zu seinem Platz hinter der Bar, und als er nun wie zufällig zur Tür blickte, sah er dort seinen guten alten Freund, den schwarzen Hund, sitzen, der auf sein Mittagsmahl wartete.
Und als LeBlanc den Hund dort so sitzen sah, so ruhig, so unschuldig, so in keiner Weise geplagt von den ewigen Sorgen, Kümmernissen und Ärgernissen eines Cafebesitzers in Mexiko, Sorgen, die einen Mann zwanzig Jahre vor seiner Zeit alt werden lassen, und so lustig und vergnügt seinen Schwanz wedelnd und ihn grüßend mit dem clownischen Vagabundenlächeln, das ihm so gut stand und von dem er gut wusste, dass es seinem Freunde, dem Cafebesitzer, so sehr gut gefiel, da packte den Franzosen, beinahe ,blind in seinem Ärger, plötzlich und völlig ungewollt und unbeabsichtigt eine solche ungeheure Wut, daß er das harte Brötchen, das vor ihm auf der Bar lag, ergriff und - später konnte er sich nicht erklären, warum er es getan hatte - es mit voller Wucht und Kraft dem Hunde an den Kopf warf.
Es besteht kein Zweifel darüber, dass der Hund die Bewegung des Franzosen beobachtet hatte, denn seit er bei der Tür erschienen war, hatte er nicht eine Sekunde lang den Franzosen aus seinen Augen gelassen. Der Hund sah den Franzosen das Brötchen ergreifen, sah ihn dabei scharf an und sah, dass jenes Brötchen auf ihn gezielt wurde. Er, ein Hund, der von dem lebte, was er auf der Straße fand, und aus diesem Grunde an ein hartes Leben, gewürzt mit Knüppelhieben und Steinwürfen, gewöhnt war, hatte durch bittere und schmerzliche Erfahrung gelernt, Hieben und Würfen aus dem Wege zu gehen.
Eine leichte Bewegung seines Kopfes hätte vollauf genügt, dem heransausenden Brötchen auszuweichen. Aber er bewegte sich nicht. Er hielt seine warmen braunen Augen auf den Franzosen geheftet. Und ohne irgendein Zeichen von Furcht zu offenbaren, empfing er den Wurf.
Für einige Sekunden blieb er sitzen, wo er war, als ob er gelähmt sei; weniger gelähmt durch jenen Schuss als viel, viel mehr infolge der Verwunderung über das, was soeben geschehen war, etwas; wovon er bis zu diesem Augenblick nie geglaubt haben würde, daß es je geschehen könnte.
Das Brötchen lag nun nahe seinen Vorderpfoten. Er gab ihm einen kurzen studierenden Blick, als ob er erwarte, dass es sich erweisen möge, dieses Brötchen sei ein lebendiges Objekt, das in diesem Augenblick selbst aufspringen würde, um ihm dadurch zu beweisen, dass er sich geirrt habe in dem, was seine Augen soeben gesehen hatten.
Er erhob seine Augen nun von dem Brötchen nahe seinen Vorderpfoten und ließ sie am Boden entlang gleiten, bis sie die Bar erreichten und endlich auf dem Gesicht des Franzosen haften blieben. Dort standen sie wie durch magnetische Kraft gehalten. Es war keine Anschuldigung in diesen Augen, nur eine tiefe, tiefe Traurigkeit. Die Traurigkeit dessen, der ein unbegrenztes Vertrauen in die Freundschaft eines anderen gesetzt hat und dann ganz unerwartet sich betrogen sieht durch eine Handlung, für die er keine Erklärung finden kann.
Der Franzose, der sich in diesem Augenblick bewusst zu werden schien, was er getan hatte, stand wie versteinert, tief ergriffen von einem Empfinden, als ob er durch einen ungewollten Zufall ein menschliches Wesen getötet hätte. Mit einem plötzlichen Ruck, als habe er soeben einen Schuss bekommen, streckte er seinen Körper der ganzen Länge nach aus und kam zu sich.
Für einige Sekunden stierte er mit verlorenen Augen auf den Hund, als sähe er einen Geist.
Und im selben Moment richtete sich der Hund langsam auf, schüttelte seinen Kopf, so dass seine hängenden Ohren ihm ums Gesicht schlappten, wie er es gewöhnlich tat, kurz bevor er sich anschickte, fortzugehen, wendete sich um und ging seiner Wege. Als der Franzose den Hund so von der Türe verschwinden sah, benahm er sich wie verwirrt, griff mit seinen Händen ziellos um sich, als suche er etwas wie im Traum, und so geschah es, dass seine Augen herumsuchend sich senkten und auf den Mann fielen, der unmittelbar vor ihm an der Bar saß und in diesem Moment seine Gabel in ein saftiges Steak stach, das soeben vor ihn hingestellt worden war.
Mit einem entschlossenen und entschiedenen Griff schnappte der Franzose das Fleisch vom Teller des aufs höchste erstaunten Gastes, der mit dem heulenden Gebrüll eines Wilden aufsprang und schreiend und energisch gegen die Verletzung der konstitutionellen Rechte eines Bürgers, sein Mittagsmahl in Frieden verzehren zu dürfen, protestierte und damit alle anwesenden Gäste als Zeugen einer solchen Untat anrief.
Das Steak in seiner Hand hin und her schwingend, sauste der Franzose raus aus der Tür, warf einen raschen Blick die Straße entlang, wo er den Hund bereits beim nächsten Block dahintrotten sah.
LeBlanc, das geschnappte Steak zwischen seinen Fingern schwingend, schoss raus zur Türe, als ob die Hölle hinter ihm her wäre, blickte die Straße entlang, und den Hund bereits zwei Blocks weiter voran dahintrottend erspähend, rannte er hinter ihm her wie wild, pfeifend, rufend und sich in keiner Weise um die Leute scherend, die stehen blieben, um sich an einem aus dem Irrenhaus entwichenen Verrückten zu ergötzen, der, mit einem gestohlenen Steak zwischen seinen Fingern, pfeifend hinter einem Straßenköter herrannte. Es war wert, es anzusehen, denn es kam nicht alle Tage vor.Als er endlich den dritten Block keuchend erreichte, hatte er den Hund aus seinen Augen verloren und vermochte nicht einmal zu sagen, wo und in welche Richtung der Hund abgebogen war, denn die Straße war um diese Zeit sehr belebt. Er ließ das Steak fallen und kehrte zurück zu seinem Restaurant.
„ Entschuldigen Sie vielmals, Amigo“, sagte er zu dem Gast an der Bar, der in der Zwischenzeit sich beruhigt hatte und dem von der Kellnerin in aller Eile ein frisches Steak serviert worden war. „Entschuldigen Sie, Senor, das Steak war nicht besonders gut, um die Wahrheit zu sagen, und ich wollte es eben gerade jemand geben, von dem ich glaubte, er benötige es schneller als Sie. Vergessen Sie den Vorfall. Bestellen Sie von der Liste, was Sie wollen. Es geht auf meine Rechnung. Gracias.“ Der Gast lachte gutgelaunt und war vollauf zufriedengestellt. Nicht aber so Monsieur LeBlanc. Er begann ruhelos im Lokal herumzuwandern, hier einen Stuhl näher zum Tisch schiebend, da einen anderen Stuhl fortziehend und ihn betrachtend, als ob er einer Reparatur bedürfe, dann wieder zu einem Tisch gehend und das Tischtuch mehr nach einer Seite zupfend und wieder ein anderes mit der flachen Hand ausglättend. So kam er auf diesem Rundgang zu der Ecke, in die sich die Kellnerin verkrochen hatte und dort in sich hineinschrumpfte und still vor sich hinweinte.
„Ya esta bueno, Bertha, Sie bleiben natürlich hier. Es war ja nicht ganz allein Ihr Fehler. Aber der Bäcker kann sicher sein, dass ich ihn eines schönen Tages in bestialischer Weise ermorde. Bueno, auf alle Fälle werde ich mir einen anderen Bäcker suchen für die Ware, die wir hier verbrauchen. Marschieren Sie zurück zu Ihren Tischen. Verflucht noch mal, ich wurde wild wie ein gemarterter Teufel, als jener Hurensohn seines zerbrochenen Porzellanzahns wegen hier herumtanzte wie ein besoffener Schimpanse.“
„Gracias, Senor“, sagte Bertha, mit der Nase ihre letzten versiegenden Tränen hinunterschnupfend. „Wirklich, ich bin Ihnen dankbar, dass Sie mich nicht rauspfeffern. Ich verspreche Ihnen, besser und schneller zu bedienen als je zuvor. Wissen Sie, Senor LeBlanc, ich habe eine Mutter am Halse und zwei Bastarde, für die ich zu sorgen habe. Und es ist nicht gerade leicht, die Hölle weiß es, eine Stellung zu finden, wo ich dasselbe an Trinkgeldern bekomme wie hier.“
„Beim allmächtigen Gott im Himmel, reden Sie nicht soviel Unsinn. Ich habe Ihnen doch gesagt, es ist alles gut, vergessen und vergeben. Was wollen Sie denn noch mehr von mir?“
„Ich will ja weiter nichts. Ich bin ja so zufrieden und glücklich, dass ich bleiben darf. Ich wollte Ihnen doch nur danken, Senor . . .“, und, sich umdrehend zu einem ungeduldigen Gast, der schon eine Weile mit einem Messer ein Wasserglas bearbeitete, um sich Aufmerksamkeit zu verschaffen: „Oh, gottverdammt noch mal, ja, ja, um Himmels willen, ich hörte ja, was Sie wollen. Ich bin doch nicht taub. Regen Sie sich nur nicht auf und behalten Sie Ihr Hemd ruhig an. Gewöhnliches Mignon mit Champignons? Bueno, bueno. In einer Sekunde haben Sie es. Halten Sie nur still, bis Mama mit der Milchflasche kommt. Ich renne, vom Feuer gejagt.“
Der Franzose tröstete sich mit dem Gedanken, dass der Hund gewiss am nächsten Tage wieder erscheinen werde. Er würde sicherlich nicht sein Mittagsmahl aufgeben eines so kleinen Missverständnisses wegen. So ein winziges Zerwürfnis kommt jeden Tag vor. Jeder Hund bekommt hin und wieder eine kleine Abreibung von seinem Herrn, wenn er sie verdient hat, und dennoch bleibt er seinem Herrn treu. Hunde halten zu dem, der sie gut füttert.
Merkwürdig war es, dass obgleich er sich in seinem Innern unaufhörlich versicherte, dass der Hund wiederkehren werde, er sich nicht beruhigt fühlte. Für den Rest des Tages war es ihm nicht möglich, den Hund zu vergessen. Er versuchte es unzählige Male, indem er sich sagte, dass er nicht einmal wisse, wie der Hund heiße oder wo er die Nächte verbringe, wer sein Herr sei und wo er hingehöre. Und als er nun auf keinen Fall den ständigen Gedanken an den Hund loswerden konnte, wurde er ärgerlich und murmelte zu sich: )Ist nur ein ganz gewöhnlicher dreckiger Straßenhund, der von dem lebt, was er in den Ascheneimern findet, ohne Charakter im besonderen; reiche ihm einen Knochen, und du bist sein angebeteter Freund für alle Zeiten. Trotz alledem, je mehr er sich bemühte, den Hund zu vergessen, je mehr er sich einredete, dass dieser ungewaschene Köter nicht wert sei, sich um ihn zu kümmern, je weniger vermochte er die Erinnerung an den Hund aus seinen Gedanken auszulöschen.
Am nächsten Tag, bereits um drei Uhr, hatte Monsieur LeBlanc ein dickes, saftiges, absichtlich nur halb gebratenes Steak zur Hand, um mit ihm den Hund zu bewillkommnen im Augenblick, dass er bei der Tür sichtbar werde, und ihn mit dieser Gabe gleichzeitig um Entschuldigung für den unliebsamen Vorfall zu bitten und auf diese Weise die alte Freundschaft zu erneuern.
Nun war es halb vier, und als ob der Glockenschlag der Uhr auf dem nahen Gebäude die Ursache sei, saß der Hund auf seinem gewohnten Platz bei der Tür.
„Ich wusste, er würde kommen, ich wusste es ja“, sagte der Franzose zu sich selbst mitlauter Stimme, ein zufriedenes Lächeln auf seinem Gesicht. „Er würde ja kein richtiger Hund sein, käme er nicht für sein kostenloses Mittagsmahl.“
Obgleich er dies laut sagte, fühlte er sich dennoch ein wenig enttäuscht, dass dieser Hund sich genau so betragen würde wie irgendein anderer, gewöhnlicher Straßenhund. Da er den Hund lieben gelernt hatte, glaubte er, dass dieser Hund sich von anderen Hunden unterscheiden müsste, dass er mehr Stolz, mehr Würde hätte zeigen sollen. Wie dem auch sei, erwar erfreut, dass der Hund zurückgekommen war. Er vergab ihm das augenscheinliche Fehlen von Würde und redete sich ein, dass ,der Mensch die Hunde annehmen und aufnehmen müsse, wie sie nun gerade seien, da der Mensch ja nun einmal doch nicht die Macht besitzt, die körperliche Gestalt oder die Seele und das Gemüt eines Hundes grundlegend zu verändern.
Da saß nun der Hund und sah den Cafebesitzer mit seinen warmen braunen Augen an.
Der Franzose bot ihm ein breites offenes Lächeln als Gruß an und erwartete, dass der Hund mit seinem komischen Vagabundengrinsen darauf antworten würde.
Aber der Hund hielt sein Maul geschlossen, und er machte auch nicht die kleinste Bewegung, weder mit seinem Kopfe noch mit seinem Schwanz, als er den Franzosen das bereitgehaltene Steak aufnehmen sah. LeBlanc winkte damit dem Hunde zu, hereinzukommen, sich hier zu Hause zu fühlen und das Steak in Ruhe innerhalb des Lokals zu verspeisen.
Der Hund blieb jedoch ruhig auf seinem Platz bei der Tür sitzen, dem Franzosen geradeaus direkt ins Gesicht starrend, als ob er ihn zu hypnotisieren gedenke.
Noch einmal schwang LeBlanc das Steak hin und her, schmatzte laut mit den Lippen und machte >Hm, Hm, Hm<, um des Hundes Appetit anzuregen.
Die Gesten des Franzosen- bemerkend, begann der Hund leicht mit dem Schwanz zu wackeln, aber auch gleich darauf hielt er damit inne, als er gewahr zu werden schien, was er tat.
Der Franzose begriff nun endlich, dass der Hund nicht hereinkommen würde und offensichtlich wenig Wunsch offenbarte, die Freundschaft fortzusetzen, trug nun das Steak zur Tür, wo der Hund saß, und wie er verschiedene Male vorher bei anderen Gelegenheiten es getan hatte, spielte er das Steak dem Hunde vor der Nase herum, den Appetit des Hundes anreizend und erwartend, dass der Hund das Steak nun endlich aufschnappen würde.
Der Hund richtete seine Augen hoch, bis sie die des Franzosen trafen, als er ihn so dicht vor sich stehend fand. Er tat jedoch keine andere Bewegung irgendwelcher Art. Als er sich entschieden weigerte, das Steak anzunehmen, legte der Franzose, nicht einen Augenblick seine Geduld verlierend, das Stück Fleisch dem Hunde, der wie eine Statue still saß, dicht vor die Vorderpfoten. Er streichelte den Hund kosend für eine Weile. Der Hund erwiderte diese
Freundschaftsbezeugung mit einem Wackeln des Schwanzes, aber er tat es so leicht, dass diese Bewegung kaum bemerkbar war. Aber nicht für eine Sekunde ließ er seine Augen von denen des Franzosen abweichen.
Plötzlich beugte er seinen Kopf, schnüffelte an dem Fleisch herum, ohne sich besonders dafür zu interessieren, richtete abermals seine Augen auf zu denen des Franzosen, stand auf und verließ seinen Platz an der. Tür. LeBlanc fegte hinaus auf den Seitenweg und sah den Hund längs der Gebäude dahintrollen, ohne je einen Blick zum Cafe zurückzuwerfen. Wenige Sekunden darauf war er im Gedränge der Leute, die dort geschäftig hin und her liefen, verschwunden. Am nächsten Tage, pünktlich wie immer, befand sich der Hund bei der Tür des Cafes sitzend, auf das Gesicht seines verlorenen Freundes starrend.
Und wieder, als Monsieur LeBlanc, einen dick mit Fleisch bedeckten Knochen zwischen seinen Fingern, sich dem Hunde näherte, blickte ihn der Hund, wie es am Tage vorher geschehen war, nur starr an, ohne auch nur die geringste Notiz von dem herrlichen Knochen, der bei seinen Vorderpfoten lag, zu nehmen.
Nicht für einen Moment ließ der Hund den Franzosen aus seinen Augen, und nur ganz leicht und behutsam wackelte er mit dem Schwanz, als der .Mann ihn streichelte und schmeichelnd an den Ohren zupfte. Wohl eine Minute ging so vorüber. Der Cafebesitzer war unschlüssig, was zu tun sei, um den Hund zu versöhnen.
Nun stand der Hund auf, leckte die streichelnde Hand des Mannes wieder und wieder, mehr als ein dutzend mal, blickte nochmals dem Franzosen lange in die Augen und ließ ein kurzes unterdrücktes, kaum deutliches Bellen hören, das überging in ein leises, trauriges Heulen, sich dann lang hinzog in ein mitleiderregendes Wimmern und ohne auch nur an dem Knochen zu schnüffeln, drehte er sich um, verließ die Tür und trottete hinweg.
Dies war das letzte Mal, dass Monsieur LeBlanc den Hund je wiedersah. Er kam niemals mehr zurück zum Cafe, und niemals wurde er in der Nachbarschaft gesehen.

Von B. Traven, der die Menschen liebte.



(Streuner aus Portugal, die als wir Essen gingen dort rumliefen und immer wieder weggescheucht wurden (von den Kellnern), getreten wurden etc.) Ich schnappte mir die Reste von unseren Tisch und bin unter den dummen Blicken der Leute hinter den beiden her. Sie waren wahnsinnig lieb und dankbar, wie aus deren liebevollen Art zu schließen war...
Das Bild entstand vor 2 Jahren. Letztens Jahr waren wir wieder in Portugal. Die Hunde waren wieder da.
Der untere sah besser aus, wohnte wohl bei dem Haus nebenan. Der schwarze bestand nur noch aus Haut und Knochen. Ich vermag zu meinen, dass er nicht mehr leben wird. *sfz*) ...


Was du suchst
ist nicht auf den Gipfeln der Berge,
nicht in den Tiefen der Meere,
nicht in den Strassen der Städte:

Es ist in deinem Herzen.



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