Flieg kleiner, flieg!

Ich bin Junior .... eine kleine hässliche Raupe.
Ganz schwarz und voller kleiner abstehender Härchen.
Meine Geschwister sehen ähnlich aus.. wie ich, doch sind sie größer
und wie ich finde, hübscher. Ständig müssen sie sich beweisen,
klettern absichtlich auf die grünsten Blätter um ja aufzufallen.
Sie provozieren die Vögel, die sie versuchen zu picken ...!! Dennoch entkommen
sie den gierigen Schnäbeln meist immer. Hin und wieder gewinnen die Vögel..,
dennoch werden sie als Helden gefeiert, als sie Stück für Stück im Bauch der Vögel verschwanden. Sie waren ja so mutig und toll, sie waren die besten und stärksten,
laut meiner Geschwister. Ich verstehe sie nicht und mir wird jedes mal schlecht,
wenn sie so reden höre. Irgendwie bin ich sogar sehr traurig, wenn ich höre,
dass wieder einer meiner Geschwister einem Vogel oder anderen Tier zum Fressen vorgefallen ist. Wie es denen wohl ergehen mag??? Werden sie ihren Leichtsinn schließlich bereuen???
Ich stell sie mir oft vor. Meine Geschwister...im Bauch eines Vogels.
Ich bleibe lieber im Hinterhalt, fresse das nötigste und mache keinen großen Aufstand, wenn dort ein Vogel vor mir steht. Meistens lassen sie mich sogar leben,
ich habe noch nie verstanden warum. Bin ich so hässlich???

Die Tage und Wochen vergehen wie im Fluge.
Heute sehe ich mich als ein kleines Tagpfauenauge...., ich bin ein kleiner Schmetterling. Klein und unbeholfen.
Meine Geschwister sind schon groß und so wunderschön, wie ich finde.
Ich beneide sie. Sie hatten schon alle Freundin und mittlerweile auch schon
wieder Eier fürs nächste Jahr gelegt...., aus denen bald junge Raupen schlüpfen werden.
Und ich..., ich flattre Tag um Tag durch die Gegend.... einfach so, grundlos.
Das macht mich irgendwie traurig, dennoch möchte ich nicht mit so einer Arroganz wie meine Geschwister durch die Gegend fliegen und mich Tag um Tag verstellen.

Nach dem Frühling kommt der Sommer.
Es ist warm und die Blumen und all die Natur hat ihre Farben wiedergefunden.
Ich liebe die Farbenpracht.
Seit einiger Zeit lebe ich in einem Garten. Dort fühle ich mich recht wohl.
Ich sitze oft an dem Schmetterlingsbaum..., zusammen mit anderen Schmetterlingen. Dort habe ich Nora kennen gelernt.... sie ist auch ein Tagpfauenauge und wenige Millimeter kleiner als ich.
Mit ihr zusammen flieg ich oft voller Freude von Ast zu Ast und von Garten zu Garten. Wir verstehen uns wahnsinnig gut.
Einer meiner Geschwister sagt immer: „Oh Junior, was besseres hast’e wohl nicht finden können, was?“ Das allerdings stört ich mich, ich mag Nora und sie mag mich. Wir haben sehr viel Spaß zusammen und machen allen möglichen mist zusammen. Meinen Geschwistern geht’s ja schon lange nicht mehr darum, dass sie
als normales Tagpfauenauge auf dieser Welt sind. Nein, ihnen geht es um ihre Ehre, um ihren Rang und darum... ja ihren Bestand an Weibchen und jungen kleinen Raupen zu sichern. Oh wei’, nur gut, dass ich so nicht geworden bin.
Ich habe diese Probleme nicht. Mittlerweile kann ich schon nichts mehr, als darüber lachen. Wisst ihr, was mir da einfällt??? Dass ist schon einige Wochen her..., aber ich möchte es euch unbedingt erzählen.
Damals...da war es ein heller Frühlingsmorgen. Ich bin einen meiner Geschwister gefolgt um zu sehen, was er vor hatte. Einige Zeit später flogen wir durch einen Spalt. Wie sich herausstellte war das ein Zimmer, in dem wir uns danach befanden. Ein kleiner Junge kam rein und sah mich und ihn verwirrt in seinem Zimmer rumflattern. Als mein Bruder den kleinen Jungen sah... malte er gleich sein nächstes Ziel aus „Ihn zu beeindrucken“.
Er flog also die ganze Zeit um den Jungen herum, während ich mich auf einem seiner Regale hinab gelassen habe und das Spiel nervös beobachtete.
„Hör doch auf die dummer Schmetterling“, schrie der Junge. Doch mein Bruder konnte es nicht lassen und setze das Spiel seiner Präsents fort. Irgendwann wurde es dem kleinen Jungen zu bunt... und er hob seine Hand und zielte auf meinen Bruder. „Getroffen!“, schrie er und schaute auf meinen, am Boden liegenden Bruder. Um sicher zu gehen, dass er ihn nicht mehr nerven wird, trat er noch einmal drauf und schmiss ihn dann aus den Fenster.
Der leblose Körper meines Bruders würde voller Stolz zu Boden gleiten. Oder er wurde vom Wind davon getragen. Ich fragte mich, was er davon jetzt hatte.
Doch nur einen sinnlosen Tod und einen Jungen, der ihn hasste. Eigentlich das genaue Gegenteil von dem, was er doch eigentlich wollte.
Doch die anderen werden ihn trotz allem beneiden. Verrückt, diese Welt.
Wie ich so darüber nachdachte, merkte ich, dass der kleine Junge mich nun erspäht hatte und auf mich zu kam. Seine Tritte federten und mir kam es vor, als würde der Boden unter mir beben. Ich zitterte und wich zurück, als seine Hand nach mir griff. Plötzlich fiel und fiel ich ... ehe ich unsanft in einer dunklen Ecke landete.
‚So Junior, dass war’s dann wohl, dachte ich’, und hatte mich schon aufgegeben, als zu einem erstaunen jemand den Schrank etwas zu Seite rückte und mich vorsichtig aus der Ecke holte. Es war der Junge, der meinen Bruder getötet hatte.
Ich war starr vor schreck...und dachte ein erneutes mal, mein Leben wäre vorbei.
Doch er ging mit mir zum Fenster, öffnete es und hielt sein Hand hinaus.
„So du kleines Tagpfauenauge, nun flieg du hinaus, du hast es verdient zu leben.
Und wegen deines Freundes eben, sorry, aber sein Geflatter um mich rum, ging mir echt auf die Nerven.“ Ich konnte es nur unschwer glauben, was ich da hörte und anfangs schaffte ich noch immer nicht, davon zu fliegen, vor Angst.
„Na flieg schon kleiner, flieg!“, sagte der Junge noch einmal mit einer ganz sanften und ruhigen Stimme. In dem Moment erfasste mich eine leichte Windböe und mit ihr flog ich davon.

Ja, dass war meine Geschichte, die ich noch immer nicht verstand. Ich habe sie Nora erzählt..., die mir einen einzigsten Satz zuflüsterte.
Sie sagte mit einem Lächeln „Junior, mein Schatz, merke dir...., die wahre Schönheit kommt von innen! Okay?!“
Ich erwiderte ihr Lächeln zaghaft und nickte dankend.

Würde man mich jetzt fragen,
was ich an meinem Leben anders machen würde, wenn ich es noch einmal von Anfang an leben könnte, dann würde ich antworten, dass ich es genauso leben würde, wie ich es heute getan habe. Denn die ganze Zeit über war ich niemand anders .... als ich selbst.



Eine Geschichte vom
25.12.03



Was du suchst
ist nicht auf den Gipfeln der Berge,
nicht in den Tiefen der Meere,
nicht in den Strassen der Städte:

Es ist in deinem Herzen.



Startseite
Archiv


Gästebuch
Kontakt

Abonnieren


Links




Gratis bloggen bei
myblog.de